Carmina Quartett

Anfänge

Am Konservatorium Winterthur studieren Ende der Siebzigerjahre Matthias Enderle Violine und Stephan Goerner Violoncello. Sie begegnen einander in der Kammermusik, bevor beide zur Fortsetzung ihrer Studien in die USA aufbrechen: Matthias zu Franco Gulli an die Indiana University, Stephan zu Leonard Rose an die Juilliard School. Matthias lernt Wendy Champney aus Ohio kennen, die ebenfalls bei Gulli studiert. Gemeinsam spielen sie in verschiedenen Kammermusikgruppen, nehmen an der Internationalen Menuhin Akademie teil und machen Konzertreisen mit der Camerata Lysy. In Winterthur besucht unterdessen Susanne Frank die Violinklasse von Aida Piraccini-Stucki, bei der auch Matthias studiert hat. Stephan übersiedelt nach Paris, um sein Studium bei Maurice Gendron zu vervollständigen. Matthias und Wendy wollen ein Streichquartett gründen und machen sich auf die Suche nach Partnern. Aus den Quartettplänen wird im Jahre 1982 zunächst das Carmina Trio.

Erste Erfolge

Matthias, Wendy und Stephan gewinnen nach wenigen Monaten des Zusammenspiels den Internationalen Kammermusikwettbewerb in Paris. Daraus ergeben sich erste Plattenaufnahmen und internationale Konzert­auftritte. Als nach langem Suchen mit Karin Heeg eine zweite Geigerin gefunden wird, wird aus dem Trio im Jahre 1984 das Carmina Quartett. Susanne Frank macht zu dieser Zeit das Solistendiplom mit Auszeichnung. Carmina beweist auch als Quartett seine Wettbewerbstauglichkeit. Höhepunkt ist die klare Punkte- und Jurymehrheit beim renommierten Borciani-Wettbewerb in Reggio Emilia. Aus formalistischen Gründen wird der erste Preis nicht vergeben, aber die wütenden Proteste von Jury und Publikum erregen viel Aufsehen in den internationalen Medien. So bringt ein Preis, den das Carmina Quartett nicht gewinnt, einen grossen Karriereschub und zahlreiche Konzertengagements in ganz Europa.

Weltkarriere

Mitten in der Euphorie des Durchbruchs zieht sich Karin Heeg aus persönlichen Gründen aus dem Quartett zurück. Ihren Platz am zweiten Geigenpult nimmt 1987 Susanne Frank ein. Die Erfolgswelle läuft weiter. Das Carmina Quartett wird in die Musikzentren Europas, Amerikas und Japans eingeladen und erntet von Buenos Aires und New York über Paris, London, Berlin, Rom und Wien bis Tel Aviv, Hongkong und Tokyo begeisterte Publikumsreaktionen und ausgezeichnete Kritiken. 1989 schliesst Denon einen langfristigen Vertrag mit dem Quartett ab. Schon die erste Aufnahme mit Werken von Szymanowski erhält einen Gramophone Award und eine Nomination für einen Grammy in Los Angeles. Spätere der bisher insgesamt zwölf Einspielungen werden mit dem Deutschen Schallplattenpreis und dem Diapason d’Or ausgezeichnet. Die Schubertiade Hohenems, die Bregenzer und die Schwetzinger Festspiele, das Edinburgh Festival, die Internationalen Musikfestwochen Luzern, das Festival de Montreux und das Verbier Festival haben Konzerte mit dem Carmina Quartett im Programm.

Intensive Arbeit und Entwicklung

Dem erfolgreichen Schweizer Ensemble wird von der Stadt Zürich ein Probelokal zur Verfügung gestellt. Hier erarbeitet sich das Carmina Quartett ein enorm breites Repertoire von der Vorklassik bis zur Gegenwart. Neben den bekannten, grossen Werken der Quartettliteratur haben auch weniger oft gespielte Werke darin ihren Platz, darunter die Quartette von Verdi, Puccini, Cherubini, Tschaikowski, de Arriaga, Szymanowski, Respighi und Bloch. Auch die Gegenwart ist vertreten, etwa mit Uraufführungen neuer Streichquartette, darunter Werke von Alfred Zimmerlin, Rolf Urs Ringger, Daniel Schnyder und Paul Giger.

Stil und Charakter

Der Name „Carmina“ stellt einerseits die Assoziation zum Lied her: Das Liedhafte, das Gesangliche, das strömende Kantabile sind eine besondere Qualität des Ensembles. Andererseits ist damit auch das rhetorische Element, die musikalische Diktion angesprochen. Daraus ergibt sich ein ständiger Wachstums- und Wandlungsprozess im Klangbild des Carmina Quartetts. Zunächst suchten die Musiker das Ideal in der Homogenität des Klanges. Mit der Zeit wurde das Nebeneinander von vier eigenständig formulierenden Stimmen mit ihrer jeweils eigenen Klanggebung immer wichtiger. Die Ausdrucksstärke nahm zu. Aus diesen Gegensätzen entsteht auch nach zwei Jahrzehnten des Zusammenspiels immer wieder neu eine begeisterte und begeisternde Gemeinschaft. 2004 begeht das Carmina Quartett sein 20-jähriges Bestehen mit viel Kreativität in Ausdruck und Programmgestaltung.

Neue Ideen

Das Erarbeiten der musikalischen Sprachen der verschiedenen Epochen führte das Carmina Quartett konsequenterweise zur Auseinandersetzung mit sogenannten historischen Instrumenten, mit Darmsaiten und mit einer Spieltechnik, die sich von der modernen unterscheidet. Diese historische Rückbesinnung ist von der Lust auf musikalische Erlebnisse getragen, und der Umgang mit historischen Instrumenten wirkt inspirierend auf das Musizieren auf dem gewohnten Instrumentarium. Die Wahl der Instrumente hat einen entscheidenden Einfluss darauf, welche Charakteristika eines Werkes betont, welche Schichten freigelegt werden. So hält sich das Carmina Quartett eine ganze Palette differenzierter Ansatzmöglichkeiten offen.

Instrumente

Matthias Enderle spielt auf einer Violine von Giulio Degani (Venedig, 1912), Susanne Frank auf einer Violine von Alexander D’Espine (Taurini, 1830), Wendy Champney auf einer Viola von William T. Walls (Tampa, 1969) und Stephan Goerner auf einem Violoncello von David Tecchler (Rom, 1711).

Wichtige Partner

Zur musikalischen Entwicklung tragen auch häufige Begegnungen mit anderen Musikern bei. Die Anregungen, welche das Quartett von Sándor Végh und Nikolaus Harnoncourt sowie von Mitgliedern des Amadeus Quartetts und des LaSalle Quartetts erhielten, leben bis heute in ihrem Spiel weiter. Deutliche Spuren hinterliess auch die Zusammenarbeit mit Dietrich Fischer-Dieskau, Barbara Hendricks, Mitsuko Uchida und Antonio Meneses. Das Carmina Quartett befindet sich in ständigem Dialog mit Musikern wie den Klarinettisten Paul Meyer und Wolfgang Meyer, der Bratschistin Veronika Hagen, den Sängern Olaf Bär und Wolfgang Holzmair, dem Barockgitarristen Rolf Lislevand und dem Jazzsaxophonisten Daniel Schnyder. Damit geht die Pflege eines weit über das reine Quartettschaffen hinausgehenden Repertoires einher. Vielfältige Musiker-Kontakte ergeben sich auch im Rahmen des von Stephan Goerner 1991 gegründeten Festivals „Kyburgiade“. Am Ende seines zweiten Lebensjahrzehnts warten viele neue Herausforderungen und Projekte auf das Carmina Quartett!