Einige Betrachtungen zum Carmina Quartett,
zu seinem Stil und zu seinen CDs
von Wendy Champney
Diese CD bildet in mehrfacher Hinsicht einen Wendepunkt für das Carmina Quartett. Wir haben uns bisher bei unseren zahlreichen Quartetteinspielungen an die üblichen Kriterien von Komponisten und Werkgattungen gehalten; diesmal jedoch schwebte uns eine Aufnahme vor, welche die Energie eines Live-Konzertes mit seiner ganzen Spielfreude, Frische und Spontaneität einfangen sollte, während uns gleichzeitig alle Möglichkeiten der modernen Technik zu Gebote standen und wir uns keinerlei Grenzen zu setzen brauchten.
Das vorliegende Programm ist aus einer Reihe von Konzerten hervorgegangen, die das Carmina Quartett zusammen mit dem Gitarren- und Lautenspieler Rolf Lislevand gegeben hat. Rolf Lislevand hat eine fesselnde Bühnenpräsenz, und wir haben Werke ausgewählt, die diesen Aspekt in den Vordergrund stellen: Schon Haydns „Reiterquartett“ spricht eine eindringliche, bildhafte Sprache, die sich in Boccherinis Quintett „Aufziehen der militärischen Nachtwache in Madrid“, das wir für Streichquartett und Gitarre eingerichtet haben, fast bis zum Klamauk steigert. Als Krönung folgt Boccherinis Gitarrenquintett mit dem beliebten „Fandango“, der beim Spielen ebensoviel Spass macht wie beim Hören und in unserer Version Rolf Lislevands Improvisationstalent sehr schön zur Geltung kommen lässt.
Damals, als wir gemeinsam auf der Bühne standen, spielte das Carmina Quartett auf historischen Instrumenten. Für diese Einspielung „brechen wir erneut die Regeln“, indem wir wieder zu unseren „modernen“ Instrumenten zurückkehren (die Erfahrungen, die wir auf den alten Instrumenten sammeln konnten, haben allerdings klare Spuren in unserem Stil hinterlassen), während Rolf Lislevand auf seinen barocken Instrumenten spielt. So gesehen schlägt diese Aufnahme eine Brücke zwischen zwei Welten in der klassischen Musikszene. Grundsätzlich könnte man sagen, dass wir es nach einem Vierteljahrhundert Quartettlaufbahn immer mehr geniessen, „Regeln zu brechen“, egal welcher Art.
Jedenfalls ist diese CD sogar noch besser herausgekommen, als wir es zu hoffen gewagt hatten. Unser Tonmeister, Christian Schmidt, wurde zu einem unentbehrlichen Mitglied des schöpferischen Teams. Die Energie von Haydns „Reiter“ ist frisch und unmittelbar; Rolf Lislevand hatte inspirierte Momente, als er während des Fandango vor laufendem Mikrophon improvisierte, und unsere liebe Freundin, die Tänzerin Nina Corti, erklärte sich bereit, den Kastagnettenpart zu übernehmen! Gerne überlassen wir es den Zuhörern, unsere theatralischen Einfälle und Possen in Boccherinis „Aufziehen der militärischen Nachtwache in Madrid“ zu beurteilen – aber achten Sie dabei unbedingt auf das melodiös gesprochene Italienisch, welches Mauro Spano, der Hausmeister der toskanischen Villa, in der die Aufnahmen stattfanden, freundlicherweise beigesteuert hat. Das Programm wird abgerundet durch Haydns reizendes, frühes „Serenadenquartett“, dessen Mittelsätzen wir durch einen hinzugefügten Gitarrenpart einige Glanzlichter aufgesetzt haben.
Wir haben das Gefühl, dass die Freude, die wir an dieser köstlichen Musik hatten und die Schönheit der Toscana, wo die Aufnahmen entstanden sind, in die elektronisch festgehaltene Aufzeichnung unseres Spiels eingeflossen sind. Wir wünschen uns von Herzen, dass unser horchendes Publikum dies ebenfalls hören und fühlen möge.
Wendy Champney, April 2009
Die DENON-Einspielung der Streichquartette Nr. 1 und 2 von Bartók ist quasi ein historisches Ereignis für das Carmina Quartett. Die beiden Werke haben eine bedeutende Rolle in unserer Quartettentwicklung gespielt und die Aufnahme, welche wir nun im Jahr unseres 25-jährigen Jubiläums vorlegen dürfen, stellt den Höhepunkt einer langen Reifezeit dar.
Einer unserer frühesten und wichtigsten Mentoren war der grosse ungarische Meister Sándor Végh. In den Jahren 1985 und 1986 studierten wir beide Werke mit ihm in seinem Haus bei Salzburg, und diese Arbeit hatte einen tiefgreifenden Einfluss auf unsere stilistische Entwicklung. Sándor Végh inspirierte uns dazu, durch die schöne Oberfläche eines Werkes hindurch zum echten Ausdruck vorzudringen, der direkt aus dem Herzen spricht. Wenn er das Gefühl hatte, eine Stelle sei zu glatt oder zu parfümiert, dann rümpfte er die Nase und schimpfte über die „Hollywoodisierung“ der klassischen Musik. Er hob stets den Wert eines lokal, historisch und kulturell verwurzelten Stiles hervor und betonte, wie wichtig es sei, nach einer zutiefst persönlichen Interpretation zu streben, um dem weltweiten Trend zur Gleichmachung, wo alles mehr oder weniger ähnlich klingt, entgegen zu wirken. Sándor Végh war uns ein unschätzbarer Führer für unser gesamtes Repertoire, aber er vermochte es natürlich vor allem wie kein zweiter, uns in die Bartók Quartette einzuführen – unsere Sensibilität zu wecken für die Rhythmen der ungarischen Sprache und uns eine Ahnung zu vermitteln von den Tiefen dieser genialen Werke.
Eine besondere Sanglichkeit des Tons ist ja ein Markenzeichen des Carmina Quartetts, sodass Sándor Véghs Betonung der Authentizität, durchaus auch auf Kosten der Tonschönheit, ein wichtiges Gegengewicht für uns bildete. Dieser „süsse“ Ton und unsere Neigung, mit Klängen zu „malen“ kommt uns allerdings in diesen beiden Bartók Quartetten besonders zustatten. Auf diese Weise tritt auch der impressionistische Aspekt der Werke zutage, der in der Interpretation anderer Ensembles weniger ersichtlich ist. Man muss daran denken, dass das erste Streichquartett von Bartók nur vier Jahre nach dem Streichquartett von Ravel geschrieben wurde.
Diese beiden Seiten unseres Stils – Klangmalerei und eine reiche Farbpalette, zusammen mit einem ausgeprägten Sinn für Sprachfluss, Gestik und einen intensiven emotionalen Unter-Text, haben hier, so hoffen wir, eine ganz spezielle Einspielung entstehen lassen.
Wendy Champney, Februar 2009
In unserer Zeit fortschreitender Globalisierung und einer gewissen Gleichschaltung, die auch vor der Kultur nicht Halt macht, lässt sich das Mozartspiel des Carmina Quartettes eindeutig als der Alten Welt und der jetzigen Zeit zugehörig einordnen. Für mich als Amerikanerin in einem europäischen Quartett ist es besonders interessant, Fragen des Stils in ihrem jeweiligen geographischen und historischen Kontext zu betrachten.
Wenn ich von meinem – zugegebenermassen subjektiven – Standpunkt aus das Mozartspiel des Carmina Quartettes beschreiben müsste, würde ich mit dem Nächstliegenden beginnen: Wir sind Vertreter des von der deutschen Tradition geprägten, europäischen, klassischen Quartettstils. Verglichen mit unseren amerikanischen Kollegen einerseits oder mit russischen Musikern andererseits neigt unsere Spielweise eher zu differenzierter Artikulation als zum Legato und eher zum Gesprochenen bzw. Getanzten als zum Gesungenen. Wenn man eine Auswahl verschiedener Quartettinterpretationen auf Schwankungen der Lautstärke in einer gegebenen Zeitspanne hin untersuchen würde, dann käme man vermutlich zum Schluss, dass ein typisch westeuropäisches Quartett in einem kurzen Zeitraum von, sagen wir, zehn Sekunden, mehr Unterschiede aufweisen würde als eines aus einem anderen Teil der Welt. Auch Tonfall und Sprechrhythmus verschiedener Sprachen variieren ja in dieser Hinsicht beträchtlich.
Meine persönliche musikalische Entwicklung, nachdem ich aus den Vereinigten Staaten nach Europa übersiedelt war, konzentrierte sich vorwiegend darauf, einen neuen musikalischen „Akzent“ zu erlernen. So erschien mir vor zwanzig Jahren die typisch europäische Art, eine Phrase zu beenden, manieriert und untertrieben, während mir heute die selbe Art musikalischer „Interpunktion“, von einem amerikanischen Quartett gespielt, aufdringlich und protzig vorkommt. Solche kulturellen Verschiedenheiten sorgen ja gerade dafür, dass eine Kunstform lebendig und unterhaltsam bleibt.
Als Schweizer Quartett beneiden wir manchmal unsere deutschen und österreichischen Kollegen um ihr „Geburtsrecht“ – ihr Gefühl, sie hätten die „richtigen“ Art, die Werke von Mozart, Haydn und Beethoven zu interpretieren, die ja den Grundstein unseres Repertoires bilden, gleichsam in die Wiege gelegt bekommen. Ich möchte aber an dieser Stelle meiner Überzeugung Ausdruck geben, dass das Carmina Quartett über einen eigentlichen „Schweizer Stil“ verfügt, der zwar in erster Linie der deutschen Tradition verpflichtet ist, aber auf typisch Schweizerische Art auch französische Stilelemente enthält. So ist der ganz eigene Klang unseres Quartettes von hoher Bogengeschwindigkeit und reichhaltigem Vibrato geprägt, was ihm einen besonderen, leuchtenden Glanz verleiht.
Alle westeuropäischen Musiker meiner Generation sind stark beeinflusst von der historisierenden Aufführungspraxis, die seit den Sechziger Jahren wie ein frischer Wind durch die Konzertsäle fährt und ihren belebenden, transformativen Einfluss entfaltet. Streicherspezifisch gesehen ergeben sich aus dieser Bewegung Stilelemente wie etwa der vermehrte Gebrauch des non-vibrato, die Ausführung punktierter Rhythmen mit getrennten statt verbundenen Bogenstrichen und eine grössere Freiheit, spontan Verzierungen und kleine Kadenzen einzufügen. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass sämtliche westeuropäischen Musiker der mittleren Generation im Bezug auf diese kraftvolle Strömung, die im Verlaufe der Zeit immer weitere Kreise zieht, Stellung bezogen haben: entweder dagegen oder, in zunehmendem Masse, dafür. Ich zweifle nicht daran, dass auch unsere amerikanischen Kollegen angeregte Diskussionen über neue stilistische Möglichkeiten führen, die sich aus dieser Bewegung ergeben. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich gerne an einen Zeitungsausschnitt, den mir meine Grosstante in den Achtziger Jahren mit grosser Genugtuung zukommen liess. Darin vergleicht ein amerikanischer Musikkritiker eine Aufnahme des Concentus Musicus unter Nikolaus Harnoncourt mit „dem Liebesspiel zweier Skelette auf einem Blechdach“.
Diese Strömung hat auch auf uns einen grossen Einfluss ausgeübt. Heute stehen wir an einem Punkt, wo wir uns inspiriert fühlen von den lebendigen stilistischen Bemühungen unserer Zeit und von den Informationen, die von zahllosen passionierten Musikwissenschaftern ans Licht gebracht und verarbeitet werden, ohne dass wir uns aber von irgendwie gearteten Dogmen eingeengt fühlen oder glauben, bestimmten Regeln folgen zu müssen. Wir leben in einer stilistisch sehr fruchtbaren Zeit. Provozierende und umstrittene Einflüsse und Ideen sind in den letzten Jahrzehnten zum Tragen gekommen und integrieren sich auf vielfältige Weise in Bestehendes. In der Auseinandersetzung mit ihnen wird es möglich, die eigene Stimme auf unverwechselbare, persönliche Weise zur Entfaltung und zum Erblühen zu bringen.
Wendy Champney, 2005
