CARMINA QUARTET
Rolf Lislevand, Barockgitarre
Nina Cori, Castagnetten
Boccherini: Gitarrenquintett Nr. 4 in D-dur
Boccherini: La Musica Notturna di Madrid
Haydn: Streichquartett in g-moll, op. 74 Nr. 3 „Reiterquartett“
Haydn: Streichquartett in F-dur, op. 3 Nr. 5, „Serenadenquartett“
Sony 2009
Überschwang und Lebensfreude
www.klassik.com, Christiane Bayer, 9. Februar 2010
...Obwohl das Ensemble in seinen Interpretationen die spanischen Elemente der Musik betont und selbst Haydns Streichquartett in F-Dur op.3/5 in einer Bearbeitung mit Gitarre spielen, erklingt hier perfekt gearbeitete Quartettkultur ohne Sentiment und Schnörkel. Das 1984 gegründete Ensemble schafft es spielerisch, Folklore mit Hochkultur zu verbinden, ohne dass es volkstümlich-kitschig würde. Die beiden Violinisten Matthias Enderle und Susanne Frank spielen mit hellem und klarem Ton. Wendy Champney (Viola) liefert eine solide Mittelstimme, während der Cellist Stephan Goerner einen sehr warmen Celloton hat. Alle vier phrasieren trocken und knapp, sind aber nie ruppig im Klang. Sie erreichen damit, dass der Satz absolut durchhörbar wird und die verschiedenen Schichten der Kompositionen deutlich werden. Die Wahl ihrer Tempi ist meist beschwingt, so dass das Streichquartett in F-Dur von Haydn einen tänzerischen Grundcharakter bekommt. Dass sie sich dafür entschieden haben, im zweiten Satz dieses Stücks nur Gitarre und Violine erklingen zu lassen, ist ihre interpretatorische Freiheit. Der Rezensentin gefällt diese Version auf Grund ihrer großen Klarheit sehr gut. Ferner tritt dadurch die Feinheit von Haydns kompositorischer Arbeit hier sehr deutlich zu Tage.
Das Boccherini-Quintett mit dem Titel 'Fandango’ ist in der Interpretation des Carmina Quartetts ausgesprochen vital und birst fast vor Lebensfreude und Überschwang. Die kleinen hochvirtuosen Solo-Passagen, die Boccherini für die fünf Spieler bereit hält, gestalten sie mit Lust und Witz. Ihre Intonation ist astrein und brillant. Rolf Lislevand, der eine Barockgitarre spielt, fügt sich gut in das eingespielte Ensemble ein. Sein kräftiger Anschlag unterstützt Rhythmus und Struktur. Im langsamen 'Grave assai’ bietet er einen weichen Harmonieteppich, auf dem die Violinen einen langsamen Schreittanz vollführen. Der Übergang zum berühmten Fandango, dem letzten Satz des Quintetts, ist fließend. Die improvisatorischen Einleitungstakte spielt Lislevand extrem expressiv, so dass man ganz gebannt zuhört, um zu erfahren, wie es weiter geht. Enderle, Frank, Champney, Goerner und Lislevand hatten hörbar Spaß bei dieser Aufnahme, so überbordend und überschwänglich geht es in diesem Tanz zu. Die Instrumente wirbeln um und übereinander, alles steigert sich immer mehr zu einem rauschhaften Finale, zu dem die bekannte Flamenco-Tänzerin Nina Corti den Klang ihrer Kastagnetten elegant beisteuert. Hier ist dem Carmina Quartett eine Einspielung gelungen, die beim Hören einfach gute Laune bereitet und die mitreißt!
Die 'Musica notturna’ beginnt auf dieser CD mit der gesprochenen Einleitung, die Boccherini als Erklärung seinem Werk vorangestellt hat. Als Sprecher konnten die Musiker den Hausmeister der italienischen Villa gewinnen, in der die Aufnahmen stattfanden. Mauro Spano erklärt also mit sonorer Stimme, was den Hörer gleich in den Straßen des nächtlichen Madrids erwarten wird. So bildhaft, wie das Carmina Quartett die Musik mit klingenden Glocken und 'Ave Maria’-Gesängen ausgestaltet, wäre dieser Epilog gar nicht nötig, doch ist er eine nette atmosphärische Ergänzung. Das Quartett ‚Der Reiter’ von Haydn bildet den Abschluss dieser gelungenen CD-Produktion. Auch hier nutzt das Carmina Quartett eine – auch von der Klangtechnik hervorragend eingefangene – reiche Klangpalette, wobei der Grundton der Interpretation etwas ernsthafter ist als in den Boccherini-Werken. Sie spielen insgesamt dichter, lassen weniger Luft zwischen den einzelnen Tönen und weben dadurch ein engmaschiges Gewebe, das perfekt gearbeitet ist.

CARMINA QUARTETT
Kyoko Tabe, Klavier
Petru Iuga, Kontrabass
Schubert: Forellenquintett
Schumann: Klavierquintett Es-dur
Solo Musica 2008
Die CD gewann 2008 den „Record Academy Award of Japan”
in der Kategorie Kammermusik, vergleichbar mit dem
amerikanischen Grammy.
Präzision und Temperament – kammermusikalischer Hochgenuss
Neue Zürcher Zeitung/hmn – 24. Juli 2009, P. Hagmann
... Zu seinem 25. Geburtstag beschert uns das Zürcher Carmina Quartett eine neue CD – und einen Moment kammermusikalischen Hochgenusses. Zwei Grosswerke sind versammelt: das „Forellenquintett“ von Franz Schubert und von Robert Schumann das Klavierquintett in Es-Dur. Und mit dem interpretatorischen Auslotungen beschäftig ist ein Ensemble, das aus reicher Erfahrung heraus und auf der Höhe seines Könnens agiert. Wie weit der Horizont des Carmina Quartetts reicht, deutet schon der langsame Einstieg ins „Forellen-Quintett“ an, wo die Streicher, zu denen als Gast der Kontrabassist Petru Iuga kommt, tastend den Tonraum erkunden: mit zart-fragilem, zuweilen vibratolosem Klang. Bis dann der Kopfsatz mächtig in Gang kommt und Kyoko Tabe am Klavier erkennen lässt, dass sie eine ernstzunehmende Partnerin ist. Munter und gescheit wird hier musikalisch dialogisiert, vital fallen die Akzente, herrlich blühen die Kantilenen auf. Und vielgestaltig kommen die Variationen des vierten Satzes daher. Schumanns Klavierquintett gehen Matthias Enderle und Susanne Frank (Violinen), Wendy Champney (Viola) und Stephan Goerner (Violoncello) zusammen mit Kyoko Tabe ausgesprochen temperamentvoll an; orchestral im Tutti und feurig bis in die weiten Melodiebögen hinein. Den grossartigen Höhepunkt bildet aber der langsame Satz, der äusserst sorgfältig ausgehört ist und zu starken Ausdruckswerten findet.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Neuen Zürcher Zeitung http://www.nzz.ch/
Forellenquintett
Pizzicato Magazin, 9/1009, GW
... Ihre Einspielung des Forellenquintetts, eines Werkes, das man meint, auswendig zu kennen, lässt immer wieder aufhorchen. Tänzelnde Leichtigkeit und beschwingte Eleganz sowie ein hervorragendes Zusammenspiel voll anrührender Wärme sind die eine Seite dieser Interpretation. Die andere aber, – und das ist weit bedeutsamer – , macht klar, dass das Werk alles andere als nur heiter und unbeschwert ist. Hier schon wird der grosse, in tiefste Tiefen hineinstarrende Franz Schubert ausgemacht: Man höre nur diese seltsam fahlen Töne im wundervollen Einleitungssatz und verfolge das Andante genau! ... Rigoros werden im Schumann Klavierquintett die Rhythmen konturiert, und gestochen klar werden die melodischen Linien gezeichnet. Dabei klingen die Instrumente immer warm und durchsichtig und bieten eine runde, abgerundete, von der Tontechnik her bestens unterstützte Deutung.
Carmina Quartett zu fünf
Musik & Theater 2009/5, Werner Pfister
Mit Schuberts „Forellenquintett“ und Schumanns Klavierquintett op. 44 legt das Carmina Quartetrt zwei ausgesprochen lustbetonte Interpretationen vor, voller Sonnenschein im Klang und einer lebensfrohen Vitalität, die ansteckend wirkt. Man möchte die rundum gelungene CD in die demnächst wohl einmal anstehende Sommerfrische mitnehmen!
Schubert, Schumann Klavierquintette
Bayer4 Classic – Von Fridemann Leipold
Stand: 24.03.2009
... Und man kommt aus dem Staunen nicht heraus - auf Anhieb ist es den Carmina-Musikern im Verein mit der japanischen Pianistin Kyoko Tabe und dem rumänischen Kontrabassisten Petru Iuga gelungen, der Mehrzahl der existierenden Aufnahmen ernsthaft Konkurrenz zu machen. Das fängt schon bei der jederzeit stimmigen Tempogestaltung in beiden Werken an. Mitreißend wird die markante Rhythmik Schumanns zum Schwingen gebracht; der streckenweise dichte Satz hat Kontur und bleibt immer durchhörbar. Das liegt auch an dem fabelhaften Klangbild, das diese Neuerscheinung schon aus diesem Grund zum Hörerlebnis macht: Es verbindet Klarheit mit Wärme, räumlich-plastisch sind die Einzelstimmen herausmodelliert und im Gesamtgefüge doch perfekt abgemischt.
Weit mehr wiegt jedoch die hochmusikalische Interpretation. Was bei Schumann, etwa im Trauermarsch des zweiten Satzes, an tragischem Potential dezidiert angelegt ist, entdecken die fünf Virtuosen auch in Schuberts "Forellenquintett", das als ungetrübt heiter und harmlos gilt. Ganz zu Unrecht, wie die Carmina-Musiker zeigen: Mit aschfahlen, vibratolosen Tönen loten sie die Abgründe aus, die sich unter der unterhaltsamen Oberfläche gerade auch in diesem Werk auftun … Dem Carmina Quartett, Tabe und Iuga gebührt unbestritten die Palme gegenüber der zeitgleich erschienenen "Forellenquintett"-Neueinspielung durch Martin Helmchen, Christian Tetzlaff, Antoine Tamestit & Co (bei Pentatone), die überraschend routiniert, uninspiriert - um nicht zusagen: fade - ausgefallen ist.
Forelle Blau
DIE ZEIT – 12. März 2009 VOLKER HAGEDORN
Unter heiterem Himmel kann sich auch eine Melancholie des Weitblicks einstellen. Spannend, das in einem Werk zu erleben, dessen Popularität immer gern mit Eigenschaften wie »sonnig« und »liebenswürdig« erklärt wird – Franz Schuberts Forellenquintett. Sicher, die Komposition des 22-Jährigen ging auf einen glücklichen Sommer zurück, gleich anfangs nachstrahlend in A-Dur und in aufsteigend gebrochenem Akkord. Aber wann begann je ein heiteres Stück mit einem Orgelpunkt? Zehn Takte lang hält der Kontrabass das A im Abgrund. Und wenn er wechselt, eine große Terz weiter in die Tiefe, kippt die Harmonik mit: F-Dur! Befremdlich ist dieser Sprung. Normalerweise findet man ihn einfach typisch Schubertisch. Normalerweise klingt aber auch die Geige darüber nicht plötzlich so fahl, als wiche ihr die Kraft aus den Knochen. So ist es in der Aufnahme des Carmina Quartetts zu erleben, für die sich die renommierten Schweizer mit Pianistin Kyoko Tabe und Kontrabassist Petru Iuga zusammentaten. Es sind Nuancen, mit denen sie die Forelle von der dicken Panade der Vertrautheit befreien. Die Sonne scheint wie angekündigt, doch die Konturen werden feiner, schärfer, die Oberflächen durchsichtiger.
So kommt es, dass man viele Details nicht mehr einfach so weghört. Das simple Seitenthema in E-Dur im Klavier – ist nicht ein bisschen Ironie darin? Und zugleich eine kleine Angst, wie lange es wohl noch gut geht? Tabe formuliert die Töne wie mit undurchdringlicher Miene, doch um jeden Ton sind Gedanken. Die Pianistin verbindet sich bestens mit den Streichern und ihrer analytischen Transparenz. Die lässt auch in den Variationen aufs Lied »Die Forelle« das Schicksal des Fischchens ahnen: Vom Angler ausgetrickst, endet die Forelle im Lied als »Betrogene«. Schubert zitiert diese finstere Passage nicht im Quintett. Aber dass da etwas verborgen ist in der Heiterkeit, das kann man hier hören. Zugleich haben diese Musiker einen Schwung, mit dem sie in Robert Schumanns Es-Dur-Klavierquintett zeitweilig sogar die hochkarätige CD-Konkurrenz vom »Spannungen«-Festival hinter sich lassen. Im Scherzo fragt man sich, warum noch niemand dieses Stück choreografiert hat: Es hält einen kaum auf dem Sitz. Ganz ohne doppelten Boden gibt sich das Ensemble da der blendenden Laune des schwierigen Mannes hin. Auch gut!
Tanz der Forelle
Mannheimer Morgen, 12. März 2009
... Zusammen mit dem 1984 gegründeten Schweizer Carmina Quartett ist hier eine Koproduktion entstanden, die tatsächlich über die Massen beglückt. Schuberts Forelle tänzelt derart elegant und formvollendet durchs glitzernde Wasser, dass es eine Freude ist. Auch Schumanns Klangsprache wird mit einem Höchstmass an Ausdruck übersetzt, ohne ins allzu Expressionistische abzudriften.
Schuberts Forelle quicklebendig
Nordwest Zeitung, März 2009
... Gespielt von einem hochkarätigen Ensemble bilden Franz Schuberts wohl populärstes Quintett die „Forelle“ und Roberts Schumanns Es-Dur-Klavierquintett ein geniales CD-Gespann. Zu recht preisgekrönt wurde in Japan die Aufnahme mit dem Carmina Quartett. Transparent in der instrumentalen Charakteristik, souverän in der stilistischen Ausrichtung, heiter gelöst im liedhaften 4. Satz macht das Ensemble unter Mitwirkung des rumänischen Kontrabassisten Petru Iuga die „Forelle“ zu einem quicklebendigen Wesen. Die Wiedergabe von Schumanns Klavierquintett profitiert von der Pianistin Kyoko Tabe. Sprühende Kraft, manuelle Eleganz und das spannungsvolle Wechselspiel von Klavier und Streichinstrumenten setzen die interpretatorischen Akzente.
Frisch gefischt
Klassiker voller Naturfrische – Mit seiner neuen Aufnahme von Schuberts „Forellenquintett“ ist dem Schweizer Carmina Quartett ein edler Fang gelungen.
Kulturspiegel, April 2009, Johannes Saltzwedel
... Lustvoll stürzt sich das Carmina Quartett mit Petru Iuga am Kontrabass und Kyoko Tabe am Klavier in Schuberts Klassiker. Dramaturgischer Weitblick, perfekte Fein-Artikulation und der Warme Bass-Puls (im Variationen-Satz einmal Melodieführer) geben dem Werk die so schmerzlich entbehrte Naturfrische zurück. Und dass ihre edle Tat kein Zufallstreffer war, beweisen die souveränen Schweizer gleich noch an Schumanns geistesverwandtem Klavierquintett: alles in allem ein musikalischer Frühlingsauftakt erster Güte.

W.A. Mozart
Streichquartett in d-moll, KV 421
Streichquartett in G-dur, KV 387
Streichquartett in C-dur, KV465 „Dissonanzenquartett“
AVI LC 09406
Vorzügliche Einspielung
FONOFORUM – August 2006
Wie viele europäische Ensembles der mittleren und jüngeren Generation ist auch das 1984 gegründete Carmina-Quartett von den Neuerungen der historischen Aufführungspraxis beeinflusst. Das schreibt Bratscherin Wendy Champney im Booklet der CD, und das ist der Aufnahme von drei „Haydn-Quartetten“ Mozarts auch deutlich anzuhören: in der sprechenden Artikulation, wie sie die schweizerischen Streicher schon im expressiven Oktavfall-Motiv am Beginn des d-moll-Quartetts ausformulieren, aber auch im häufigen Einsatz von Nonvibrato-Tönen und der Vorliebe für unsentimental flüssige, teilweise fast tänzerisch bewegte Tempi. So entsteht eine äusserst lebendige und eigenständige Mozart-Lesart, die den bereits gut bestückten Katalog um eine weitere vorzügliche Einspielung bereichert.
Mozart mit Saft und Kraft
Es gibt noch Überraschungen im Mozart-Jahr: Zum Beispiel Streichquartette mit dem Carmina Quartett ...
TAGES-ANZEIGER – 22. Februar 2006
Beim Anhören der CD ist ein Musizieren zu erleben, das gleichsam den ordentlich aufgeräumten Kammermusiksaal verlässt und auf die Opernbühne der dramatisch aufgeheizten Leidenschaften drängt. Mit einer Haltung, die von der alten Musik das Repertoire an plastischer Gestik und von der Moderne die allem Rokokopuder ferne Ausdrucksradikalität übernommen hat, befördert das Ensemble Mozarts Streichquartette in wahrhaft theatralische Bereiche. Die Gänsehaut, die sich schon bei der vibratolos brüchig gestrichenen Einleitung zum d-moll Quartett KV 421 einstellt, hält lange an. Auch dann noch, wenn im G-dur Quartett KV 387 die dunkle Moll-Welt verschwunden ist und einer spielerischen Leichtigkeit Platz macht, die freilich unter diesem pausenlosen interpretatorischen Impetus jederzeit blitzartig umschlagen kann. Solches Hochdruckmusizieren mag nicht allen Streichquartettfreunden behagen. Aber Behaglichkeit ist denn auch höchstens eine unter den Vitalitätsfacetten, die das Quartett dieser grossen Musik abgewinnen will. Elementare Vitalität, nicht etwa die dogmatische Verkündigung irgendeines neuen Mozart-Bildes, ist es denn auch, was diese Aufnahme ausstrahlt: Das Ergebnis ist beglückend, ganz im Sinne jener höheren Unerklärbarkeit, wie sie zuletzt im „Dissonanzen-Quartett“ KV 465 ihre Darstellung findet.
Aus dem klingenden Kämmerlein – mit Mozart in die Zukunft
Das Carmina Quartett ist endlich wieder auf dem CD-Markt präsent.
AARGAUER ZEITUNG – 16. Februar 2006
„Heraus aus dem Schatten!“ Iphigeniens (Goethe-)Worte hat sich das Carmina Quartett zu Herzen genommen. Vier lange Jahre haben die vier Musiker keine CD herausgegeben, allein im klingenden Kämmerlein Musik gemacht und bald gemerkt, dass es immer stiller um sie wurde. Eine so lange CD-lose Zeit erstaunt bei einem 21 Jahre alten Quartett, das bei Claves, Denon und anderen Labels ein Dutzend Einspielungen herausgebracht hatte. Die CDs wurden mit Preisen bedacht, und das Quartett war bei bedeutenden Festivals Stammgast. Vergangene Zeiten? Kaum, denn nun ist neuer Schwung im Quartett, ein neuer Produzent ist gefunden. Anfang Februar konnte in der Zürcher „Kronenhalle“-Bar eine Mozart-CD vorgestellt werden. Und ein wenig auch ein neues Quartett – auch äusserlich. Kommen Quartette bei grossen Labels wie EMI oder DG gestylt modisch daher, ist beim einst so korrekten „Carmina“ heute Grundehrlichkeit angesagt: Auf dem Cover der neuen CD sieht man die Musikerinnen und Musiker hier in Jeans, da mit Jackett, mal in Pluderhose, mal mit Rock. Vorbei die Zeit, als man im schwarzen Anzug und mit Fliege posierte. Jetzt sieht man die vier so, wie Menschen nun mal sind. Sie machen Musik, die von innen kommt. Das hört man.
Den Quartetten Mozarts ist das Carmina Quartett bis jetzt im Studio immer ausgewichen: Bei Haydn getrauten sich die vier, auch mal etwas nicht ganz so poliert zu spielen, seine Musik durfte kratzen. Vor Mozart hatte man Respekt, da war das „schöne“ Spiel anderer Quartette massgebend. „Heute verstecken wir uns nicht mehr hinter einer geschliffenen Oberfläche“, so der Geiger Matthias Enderle. Die Worte sind keine Floskel: Das d-moll-Quartett KV 421 erscheint auf der neuen CD nicht als sanft-elegante Nacht-Ode, sondern als eine ziemlich raue, unsichere Nacht-Novelle. Ein Stück brüchige Musik zeigen die vier, einen Aufbruch in ein vermeintliches Nichts. Zittrig ist das Spiel, dann bald im Innern aufschreien, aber manchmal auch sehr zart. Da gilt es, sehr genau hinzuhören. Man merkt, dass diese Musiker auf Darmsaiten und historisch nachgebauten Instrumenten ihre Erfahrungen gemacht haben. Nun spielen sie wieder auf „normalen“ Instrumenten und lassen die Erfahrungen undogmatisch in ihr Spiel einfliessen. Der Cellist Stephan Goerner überrascht mit der lockersten, somit beredtesten Hand. Aber eigentlich ist es unfair, gerade ihn herauszuheben, denn die Einheit der Ideen und deren technische Umsetzung ist beim Carmina Quartett verblüffend.
DRS 2 „Neue Klassik-CD“ – 5. März 2006
Und mit dieser CD ist es also zurück, das Carmina-Quartett. Nicht dass es aus dem Konzertleben je entschwunden wäre. Aber das Quartett musste erleben, dass die letzten CD-Produktionen von seinem japanischen Produzenten in Europa nicht mehr veröffentlicht wurden. Und nun also eine CD beim neuen Label AvI, und sie soll auch eine längerfristige Zusammenarbeit signalisieren. Hoffen wir, dass es so kommt, denn die neue CD ist wahrlich geglückt. .... Ich könnte hier nun die Spiel- und Ensemble-Kultur des Carmina-Quartetts rühmen, entscheidend aber ist für mich etwas anderes: Das Carmina gestaltet Mozarts Musik mit so vielen Zwischentönen und Farbnuancen, dass sie alles "klassisch" Selbstverständliche und Abgesicherte verliert: da hat das Dunkle immer seine Lichtreflexe, helle Momente haben immer auch ihre abgedunkelte Seite.
Weltspitze
Mozart-Streichquartette
SCHWEIZER ILLUSTRIERTE, Hans Uli von Erlach
Das 1984 in Zürich gegründete Quartett ist längst Weltspitze. Endlich gibts wieder eine neue CD: Mozarts Haydn gewidmete Quartette KV 421, 387 und 465. Keine Frage: Die Musikerinnen und Musiker haben definitiv ihren sehr persönlichen Mozart-Stil: sinnlicher, leuchtender, vibratoreicher Ton, kombiniert mit schlanker, „erzählender“ Artikulation. Da funkelt es im fröhlichen G-dur-Werk, tanzt es im überraschenden „Dissonanzen“-Quartett, kontrastiert es im geheimnisvollen d-Moll-Opus.

Mendelssohn: String Quartet in a minor op. 13
Mendelssohn: String Quartet in f minor, op. 80
Denon CD-79527
The imaginative essence of music
HI-FI NEWS AND RECORD REVIEW, Christopher Breunig
The Carmina‘s playing is superfine. ... You feel they have really found the imaginative essence of the music. ... There is an immediate and stable sense of rightness about the Carmina‘s playing which puts one in complete harmony with Mendelssohn‘s music. From the smoothness and finish it is clear that the Carmina is today‘s „Quartetto Italiano“: it was the Paolo Borciani Competition which set them on the map.

J. Haydn
Streichquartett in G-dur, op. 76 Nr. 1
Streichquartett in D-dur, op. 76 Nr. 2 „Quintenquartett“
Streichquartett in C-dur, op. 76 Nr. 3 „Kaiserquartett“
Denon CD 75970
Meister des Filigranen – Fono Forum Stern des Monats
FONO FORUM, Fridemann Leipold
Die hohen Erwartungen, die das Carmina-Quartett nach seinen aufregenden Mendelssohn- und Brahms-Einspielungen mit dieser Haydn-Aufnahme geweckt hat, werden beim Hören sogar noch übertroffen. Derart aussergewöhnlich ist diese CD geraten, dass man von einem Ereignis sprechen muss. Über alle technische Perfektion, allen Ensemblegeist hinaus ist es die hundertprozentig ausgefeilte Interpretation der Schweizer, die uns die bekannten Haydn-Quartette neu hören lehrt. Da bleibt - und die Gefahr ist gross bei Haydn! – nichts dem Zufall überlassen, da wirkt keine Floskel beliebig oder belanglos. Zu rühmen ist zunächst die klare Artikulation des Ensembles – wie überlegt jede Phrase ausmusiziert wird, wie transparent die einzelnen Stimmen herausgearbeitet sind, mit welchem Nachdruck bereits die Auftakte kommen. Absolut überzeugend sind auch die Tempi gewählt, die einmal nicht dem modischen Hang zu Rekorden, sei es in die eine oder andere Richtung, folgen. Das Besondere an dem Spiel der vier aber ist die enorme Ausdrucksintensität. Sie haben etwa den Mut, den langsamen Satz des G-Dur-Quartetts dynamisch so zurückzunehmen, dass man seinen Ohren zunächst kaum traut: wie aus dem Nichts, fahl-vibratolos habt das C-Dur-Thema an – und in dieser ätherischen Schwebe wird der ganze Satz gehalten; atemberaubend ist das. Im anschliessenden Menuett werden dann die dynamischen Kontraste aufs Äusserste zugespitzt – bei solchem piano wirkt ein forte wie ein Schock. Und dabei kommt das Spielerisch-“Höfische“ bei Haydn nie zu kurz, musikanitsch „pendeln“ manchen Motive wie der zwischen Bratsche und Cello wechselnde Bordun im Kopfsatz des dritten Quartetts. Die berühmte Kaiser-Hymne schliesslich klingt hier betont schlicht, nie pathetisch zerdehnt, sondern liedhaft wie eine Gesangsszene – „Poco Adagio Cantabile“ eben, Haydn beim Wort genommen. Das gilt auch für die vielen charakterisctischen Modulationen in diesen Quartetten: Blitzartig werden von den Carmina-Künstlern immer wieder andere Hörräume eröffnet. Spannenderes Haydn-Spiel lässt sich kaum denken.

J. Haydn
Streichquartett in B-dur, op. 76 Nr. 4 „Sonnenaufgang“
Streichquartett in D-dur, op. 76 Nr. 5
Streichquartett in Es-dur, op. 76 Nr. 6
Denon CD 78963
Ungetrübtes Hörvergnügen
FONO FORUM, Fridemann Leipold
Was bereits über die Einspielung des ersten Teils der „Erdödy“-Quartettgruppe Haydns durch das Carmina Quartett lobend gesagt wurde, gilt uneingeschränkt auch für den nun erschienenen zweiten Teil von Opus 76, 4-6: wieder sind die durchaus klare Artikulation der Schweizer, ihr Sinn für Timing, für dynamische Kontraste und agogische Stauwirkung bestechend. Blitzblank poliert kommt das filigrane Figurenwerk Haydns zur Geltung, technisch hat der Primarius Matthias Enderle auch mit den höchsten Höhen keinerlei Schwierigkeiten. Völlig entspannt, natürlich und organisch fliesst die Musik dahin, wobei Haydns Polyphonie von vier eigenständigen Stimmen genau realisiert ist: durch sensibles Aufeinanderhören, durch fast unmerkliches Ablösen der melodieführenden Linien. Der Grundduktus der Schweizer ist ein entschlackter, Vibrato wird ausdrücklich als Stilmittel eingesetzt – bei manchen Ensembles hat die historische Aufführungspraxis, richtig verstanden und benutzt, eben wahre Wunder bewirkt. So wechseln visionär-schwebende Klangflächen wie im fahl erstehenden „Sonnenaufgang“ mit durchaus vollem, beseeltem Ton wie im magischen, Schubert-nahen Fis-Dur-Largo des fünften Werks. Auf interpretatorische Überraschungen darf man beim Carmina Quaretett auch diesmal gefasst sein: Das d-Moll-Trio des D-Dur Menuetts aus Opus 76/5 huscht kaum hörbar, geheimnisvoll und gespenstisch vorüber, als sei‘s dem romantischen Fundus eines Mendelssohn entsprungen. Im Finale desselben Quartetts zeigen die Musiker dann, zu welcher Presto-Virtuosität sie überdies fähig sind.

Debussy: Streichquartett op. 10
Ravel: Streichquartett F-dur
Denon CD 75164
Senkrechtstarter ohne Profilneurose
FONO FORUM, Susanne Benda
Sie biedern sich nicht an. Ihr Klang gibt sich, dem ersten Höreindruck nach, ausgesprochen unspektakulär: zurückhaltend, ohne scharfe Kanten und dem Bemühen um Gemeinsames in Ton und Ausdruck weit eher zugeneigt als dem markigen Diskurs, als der trennenden Profilierung der vier Individuen. Es braucht Zeit und Energie, will man den subtilen Schönheiten und der so wenig aufdringlichen Ideenvielfalt beim Schweizer Carmina Quartett auf die Spur kommen. Nimmt man das auf sich, so wird man allerdings manches entdecken, was auf einer ganz anderen als der gewohnten Ebene Effekt macht. Dabei kommen die Streichquartette Claude Debussys und Maurice Ravels dem spezifischen Miteinander des Ensembles auf geradezu ideals Weise entgegen: Fordern sie doch eben jenes Filigrane im Stimmgewebe, jene Einbindung des Melodischen in ein klangliches Fortschreiten ein, das den besonderen Reiz des Carmina-Klanges ausmacht. Ganz behutsam, ja auf fast zerbrechlich wirkende Weise fächern die Zürcher Musiker das Komponierte gleichsam von innern her auf, suchen sie Zugang zu den musikalischen Gedanken und Emotionen vor allem über die klangliche Vertikale, über ein Miteinander, das selbst bei der Vorliebe des Quartetts für sehr bewegliche Tempi stets äusserst präzise bleibt. Zumal Debussys op. 10 – kurioserweise das einzige numerierte Werk des Komponisten – wirkt überaus stimmig in der Art, wie hier die Chromatik (als vorantreibendes Element in der „Stretta“ des ersten Satzes; immer wieder auch als Störfaktor dort, wo sich harmonische Eindeutigkeit einstellen will) ausgespielt und ausgelotet wird. Bei Debussys und bei Ravels Werk überzeugt das Carmina-Quartett gleichermassen durch seine gedankenvolle, dabei ungemein sensible, ja in ihrer klangfarblichen Schönheit und Geradlinigkeit äusserst sinnliche Darstellung. Dass diese von jeglicher Profilneurose frei ist, macht nicht zuletzt die herausragende Qualität dieser zweiten CD-Veröffentlichung der vier Schweizer Senkrechtstarter aus.
Konzertbesprechungen
Mitten aus dem Leben –
Wie das Carmina-Quartett im Karlsruher Stephanssaal begeisterte
Pamina Magazin – Klassik online im Südwesten, 27.11. 2009
Wer im Kammermusiksaal nicht nur die gepflegte Abendunterhaltung sucht, sondern gelegentlich aufgerüttelt werden will, und wer bekannte Werke einmal so hören möchte, wie er sie unter Umständen noch nie gehört hat - der sollte sich den Namen "Carmina Quartett" merken.
... Man spürt es schon beim ersten Motiv und denkt an andere Interpretationen, die zwar gepflegt und elegant, dafür aber meist auch distanziert klingen. Das Carmina Quartett fasst hingegen mitten hinein in das wechselvolle Haydnsche Material, gewissermaßen hinein in die Erde, in die lebendigen Kulturen: Hier wird tief gegraben, frei gelegt und beleuchtet, hier wächst alles auseinander heraus; zum Beispiel ein beherzter Impuls des Cellos aus der allgemeinen Leichtigkeit, eine schlanke, elegant geführte Linie aus einer eher derben, tänzerischen Passage. Alles klingt hier noch ein wenig farbiger, geschärfter, plastischer als bei manchem anderen Ensemble.
Der zweite Satz, das „Poco adagio cantabile“, wird zum durchsichtigen Variationssatz; hier hört man Linien, die man sonst selten wahrnimmt. Nicht etwa staatstragend gedehnt klingt hier das Thema des „Deutschlandliedes“ – der ursprünglichen Kaiserhymne – sondern vielmehr hat es den Schwung eines lebendigen Erzähltons. Der Finalsatz wird mit knappen, präzisen Strichen gezeichnet; wiederum sticht hier das Cello heraus, das sich mit Feuer in die rasanten Figuren wirft.
Wer hier noch nicht mit erhöhtem Pulsschlag vorne an der Stuhlkante sitzt, der tut es spätestens in Mendelssohns f-moll-Quartett op. 80. Diese Musik ist so aufwühlend wie die vorangegangenen Ereignisse im Leben des Komponisten: Schwindende Kräfte, Krankheiten, Tod der Schwester Fanny machten ihm zu schaffen. Das ganze Stück trägt eine merkwürdig graue Färbung; meist ist der Ton rauh, geräuschhaft, manchmal klirrt er fast - die Struktur dahinter ist äußerst bewegt, und nichts ist berechenbar: Ein ewiges, unheilvolles Brodeln - ein Unwetter, das sich in allen Stimmen zusammenbraut, aber zwischendurch gibt es immer wieder Passagen, die aufhorchen lassen, weil sie ein ganz besonderes Licht auf die gesamte Szene werfen: Ein klammernder Violinton, der wie ein Aufschrei klingt, und darunter, in den Mittelstimmen, bebt die Erde. Dann eine aufsteigende Cello-Linie, die plötzlich so beruhigt und besänftigt in ihrer eigenen Welt lebt, als ginge sie der Rest nichts an, was eine reizvolle Doppelbödigkeit ergibt. Im "Adagio" fällt alle Erregung plötzlich ab; dennoch aber tritt keine wirkliche Beruhigung ein, dazu ist - selbst in diesen weichen Phrasen - die vorangegangene Erschütterung noch zu sehr gegenwärtig. Unter dem sanften, fahlen Schimmer am Ende des Satzes bricht im Finale dann auch sofort wieder die kompromisslose Dramatik des gesamten Werkes durch - und bereits zur Pause gibt es laute Bravos.
Das Quartett g-moll op. 10 von Claude Debussy ist dessen einziges Werk für diese Gattung; es beschließt seine frühe Schaffensperiode, das Meisterwerk "Pelléas et Mélisande" hatte der Komponist bereits in Arbeit. Viele Einflüsse findet man hier, unter anderem auch den von César Franck - und so durchfließt ein Kernthema, das immer wieder abgewandelt wird, dieses changierende Werk: Auch hier also ein feines, von allen Seiten beleuchtetes Geflecht; mal eine Melodie, sich emporschraubt, dann schwungvolle, von Pizzicati getragene Gedankenwechsel, und Einwürfe, die bestehende Gedanken angreifen. Man lauscht gebannt dem sinnierenden Cello, dem sanften Streicherteppich, den schimmernden Flageoletts, schließlich dem dramatisch zugespitzten Finale.
Mit der Zugabe, die das Publikum lautstark fordert, besänftigt das Ensemble gewissermaßen die aufgewühlte Stimmung: Das "Andante cantabile" aus Mozarts "Dissonanzenquartett" setzt den Schlusspunkt unter ein Konzert der Sonderklasse.
Mit zupackender Intensität
Carmina-Quartett begeisterte im Stephanssaal bei den Kammermusikfreunden
Badische Neueste Nachrichten, Karlsruhe 27.11.2009
... Das Carmina-Quartett (Matthias Enderle, Susanne Frank, Violine; Wendy Champney, Viola; Stephan Goerner, Violoncello) bot mit Werken von Haydn, Mendelssohn und Debussy Kostproben seiner vortrefflichen Kunst und begeisterte mit zupackender Intensität.
Den Künstlern gelang mit dem Gründer der Gattung, Joseph Haydn, ein Entree nach Maß. ... In dem C-Dur-Quartett ist der langsame Satz als cantus-firmus-Variation ausgebildet, das Lied „Gott erhalte Franz den Kaiser“ – Melodiegeber unserer Nationalhymne – wandert durch die vier Instrumente und gab dem Ensemble Gelegenheit, dem Liedhaften ihres Namens hervorragend Ausdruck zu verleihen.
Ein einziger exaltierter Ausbruch ist Mendelssohns f-moll-Quartett op. 80, geschrieben, als sei ihm bewusst gewesen, dass seinem Leben enge Grenzen gesetzt sein würden. Die Künstler empfanden diese Bedrängnis nach, bewegt und bewegend, in den Ecksätzen furios und explosiv, im Adagio mit zauberhaften Dialogen der ersten Violine mit dem sonor beeindruckenden Cello.
Zusammengefasst und intensiv gelang auch das g-moll-Quartett Debussys, dessen unerschöpfliches Farben- und Linienspiel das Ensemble mit großer Steigerungsfähigkeit hörbar werden ließ.
Einen Bogen zurück zu Haydn schlugen die Musiker mit dem zugegebenen Andante cantabile aus Mozarts „Dissonanzenquartett“ KV 465, Frucht einer unermesslichen Zeitgenossenschaft, mit dem das Ensemble einmal mehr stilistische Meisterschaft mit nobler Kantabilität verband. Han
Ein neues Festival stellt sich vor – Eisenstadt 2009
PIZZICATO, Okt 2009, Alain Steffen
Ein musikalisches Glanzstück erlebte das Publikum mit dem Konzert des Carmina-Quartetts aus der Schweiz. Ähnlich wie das Artis-Quartett lebten auch hier Interpretationen durch Dynamik und Direktheit, durch Ehrlichkeit und den Mut, sich selber einzubringen und sich als Musiker zu zeigen. Es war ein Konzert, bei dem man den Atem anhielt. Haydns Quartette op. 54 Nr. 1 und op. 76 Nr. 5 erblühten in einer nur selten zu hörenden Frische und glänzten nur so vor musikalischem Überschwang. Aber auch die düsteren, ernsten Gefühle sind dem Carmina Quartett nicht fremd. Mit derselben Hingabe, mit der man die vituosen Kapriolen eines Haydn anging, spürte man nun dem Schmerz und der Modernität eines Bartók nach. Somit erlebte dessen 2. Streichquartett eine mustergültige Interpretation, die noch lange in Erinnerung behalten werden wird. Auch Sándor Veress 1. Streichquartett erlebte eine qualitativ hochwertige Auseinandersetzung, bei der die Musiker auch hinter die rhythmischen Momente blicken liessen.
Perfektes Mass – das Carmina Quartett in Zürich
Neue Zürcher Zeitung, 30. September 2008, M. Wohlthat
Seit über zwanzig Jahren spielt das 1984 gegründete Schweizer Carmina-Quartett in der heutigen Besetzung. Das ist beileibe keine Selbstverständlichkeit und brachte an der Kammermusik-Soiree der Tonhalle-Gesellschaft Zürich weit mehr als nur tiefgehende Vertrautheit im Zusammenspiel und beruhigende Konstanz hervor. Es war die Grundlage für eine Präzision ohne hörbare Anstrengung, für die musikalische Intensität und das perfekte Mass, denen sich das Ensemble in Streichquartetten von Joseph Haydn, Béla Bartók und Claude Debussy verschrieb.
Immer schon hat man den in sich ruhenden Klang und den natürlichen gemeinsamen Puls des Carmina-Quartetts bewundert. Nun hat es zusätzlich eine Reife erlangt, die das Largo aus Haydns D-Dur-Streichquartett op. 76 Nr. 5 in aller Schlichtheit und harmonischen Schönheit erstrahlen liess. Die Interpretation von Bartóks erstem Streichquartett fesselte durch die Unmittelbarkeit des Zugriffs. Das kontrapunktische Gewebe wurde mit straffer Energie und Genauigkeit aufgespannt. Im kraftvoll rhythmisierten Schlusssatz brachen die volkstümlichen Rhythmen sich mitreissend Bahn. Auch die fünfundzwanzig Spielminuten von Claude Debussys Streichquartett in g-Moll vergingen wie im Flug. Im Andantino wurde die Bezeichnung «doucement expressif» erfreulich wörtlich genommen. Französisch in der Auffächerung der Klänge und in reichhaltiger, niemals greller Farbigkeit brachte das Carmina-Quartett das oft unterschätzte Werk zu einer Wiedergabe von vollkommener Balance.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Neuen Zürcher Zeitung http://www.nzz.ch/
Packend und mitreißend die Grenzen des Hörbaren gestreift
Carmina Quartett setzt zum Schluss der Accordate-Reihe im Krönungssaal den Höhepunkt.
AZ/AN vom, Thomas Beaujean
Aachen. Einen finalen Höhepunkt erlebte die neugegründete Kammermusikreihe „Accordate“ am Ende ihrer ersten Saison: Das in der Schweiz ansässige Carmina Quartett bot bei seinem Auftritt im Krönungssaal Streichquartettkunst in Vollendung. Matthias Enderle, Susanne Frank (Violine), Wendy Champney (Viola) und Stephan Goerner (Violoncello) verfügen über all das, was eine Quartettformation in die erste Reihe ihrer Zunft versetzt: traumhaft sicheres Zusammenspiel, blitzsaubere Intonation, absolute Ausgeglichenheit der vier Mitglieder, eine unendlich differenzierte Klangpalette und Mut zu klanglichen Experimenten.
Letzteres allerdings kann auch zur Gefahr werden: Was dem Streichquartett von Maurice Ravel einen traumhaften Zauber verleiht, kann bei Mozart oder Dvorak leicht artifiziell wirken. So war denn auch die Wiedergabe von Ravels Quartett der unumstrittene Höhepunkt des Abends.
Was die vier hier an klanglichem Raffinement, an dynamischen Kontrasten auf engstem Raum, an rhythmischer Verve, an Wechselspiel zwischen packendem Zugriff und feinsten, die Grenzen des Hörbaren streifenden Klängen zauberten, das war packend, hinreißend. Bei Mozarts Quartett Nr. 14 G-Dur sorgte diese klangliche Differenzierung im fugierten Finale zwar für eine blendende Durchhörbarkeit der komplexen polyphonen Strukturen, dennoch hätte sich mancher hier eine größere Natürlichkeit des Musizierens gewünscht. Besonders deutlich wurde dies bei der Zugabe des langsamen Satzes aus Mozarts Dissonanzenquartett.
Robuster ging es zu bei Anton Dvoraks beliebtem Amerikanischem Quartett, das die vier Musiker lustvoll ausspielten und dabei den folkloristischen Aspekten dieser Musik zu ihrer notwendigen Geltung verhalfen. Freilich ging es auch hier nicht ganz ohne interpretatorisches Kalkül zu. Es blieb bei aller Temperamentsentfaltung und zupackender Klangentwicklung ein Rest von kopfgesteuerter Reserve. Dass sich dies auf einem ungeheuer hohen Interpretationsniveau abspielte, bleibt völlig außer Frage. So war denn auch die Reaktion des Publikums zu Recht überaus begeistert.
Rauschhafte Steigerungen
Carmina Quartett im Mozartsaal
STUTTGARTER NACHRICHTEN, Helmuth Fiedler
Zumindest eine Frage blieb nach dem fiktiven Fall des Schlussvorhang – um mit dem „Literarischen „Quartett“ und der dazu passenden, sich im Temporausch schier überschlagenden Allegro-molto-Fuge aus Beethovens Rasumowski-Quartett C-Dur op. 59 Nr. 3 zu sprechen – nicht offen: Das 1984 gegründete Carmina Quartett ist sicher die auf Weltklasseniveau spielwütigste, ständig zwischen Witz und Raffinement changierende Streichquartettvereinigung unserer Zeit. Bestechend die hochkonzentrierte Übereinstimmung zwischen den im schweizerischen Winterthur ansässigen Musikern Matthias Enderle (erste Violine), Susanne Frank (zweite Violine), Wendy Champney (Viola) und Stephan Goerner (Violoncello). So wurde die berühmte querständige Adagio-Einleitung aus Mozarts Dissonanzen-Quartett C-dur KV 465 mit gläsern-vibratoloser Tongebung und emphatischen dynamischen Schwellern durchmessen: Die Lehrer Végh und Harnoncourt lassen auch in Form diverser Auszierungen des Melodieverlaufs grüssen. Schliesslich stürmte in Dvoráks F-dur-Quartett op. 96 („Amerikanisches“) wirklich die Neue Welt heran Das grandiose Aufbauschen und Verebben des Kopfsatzes, der virtuos ausgezirkelte, fast schon Janácek vorausnehmende Motivwirbel im Molto vivace und dann – nach der mit Kultiviertheit artikulierten Lento-Ruhe – ein rauschhaft nach sinfonischen Steigerungen greifendes Finale: Das Carmina Quartett wagte immer wieder irrwitzige Temperamentsausbrüche. Dazwischen Respighis Dorisches Quartett von 1924 in Form einer einsätzigen, die Klangwelt der Gregorianik mit neuromantischer Ekstase verschmelzender sinfonischen Dichtung. All diese Eruptionen, klangfarblichen Schattierungen müssen denn auch 20 Minuten lang unter einen Spannungsbogen gezwungen werden. Entsprechend musizierten die Carminas noch im fahlsten Pianissimo mit ungeheurer Intensität, riskierten auch Schärfen und steigerten so dieses Poème zu magischer Grösse. – Ovationen im Mozartsaal.
Mit nachtwandlerischer Sicherheit
Das Carmina Quartett im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie
DER TAGESSPIEGEL, Andreas Richter
Matthias Enderle (Violine), Susanne Frank (Violine), Wendy Champney (Viola) und Stephan Goerner (Violoncello) überzeugten ebenso durch die instrumentalen Fähigkeiten des einzelnen wie durch ein Zusammenspiel von nachtwandlerischer Sicherheit. In Joseph Haydns Streichquartett op. 74 Nr. 1 bestach neben aller technischen Perfektion die frische und lebendige Spielweise, die an ein munteres und engagiertes Gespräch der vier gleichberechtigt geführten Instrumente denken liess. Im über hundert Jahre später entstandenen Streichquartett Nr. 2 Opus 17 von Béla Bartók scheint formale Verbindlichkeit verloren, auch hier resultiert aus zahlreichen Imitationen oder gerade aus starken Gegensätzen die Wirkung einer bedeutungsvollen Kommunikation. Die klanglich äusserst differenziere Interpretation des Carmina Quartetts wurde der Wildheit des Scherzos ebenso gerecht wie dem dichten Gewebe des Schlusssatzes, der geradezu geisterhaft ausklang. Das Streichquartett d-moll D 810 von Franz Schubert ist vor allem wegen der Verwendung der Melodie aus Schuberts Lied „Der Tod und das Mädchen“ als Thema des Variationssatzes bekannt. Durch überlegt gesteigertes Vibrato kam die allmähliche Entwicklung von der Fremdheit des Todes zum freudigen Annehmen so treffend um Ausdruck, dass die Quartettfassung dem Lied an Eindringlichkeit zumindest ebenbürtig wurde. In den anderen Sätzen zeigte sich das Carmina Quartett sowohl zu strahlendem Klang als auch zu herber Unruhe fähig. Schwungvoller Ausklang war die Zugabe eines Quartettsatzes von Ravel, in dem das Carmina Quartett das Publikum mit raffinierten Pizzikatokünsten einmal mehr in Begeisterung versetzte.
Fast berstend vor Energie
cas Carmina Quartett musizierte mit grossem Gewinn fürs Publikum in der Kölner Philharmonie
KÖLNER STADT-ANZEIGER, (Bc)
Ungebärdig und rau katapultierte das Carmina Quartett Ottorino Respighis selten gehörtes „Quartetto dorico“ von 1924 in die Sphären des Hochexpressionismus. So gab es dem Werk eine Färbung weitab von der Gefälligkeit, mit der der Italiener gewöhnlich aufzuwarten pflegt. Bogendruck und Impulsivität des Spiels waren hier die geeigneten Mittel, diesen grossen Satz ins rechte Licht zu heben. Bei Mozarts Streichquintett KV 515 trat Veronika Hagen als zweite Bratschistin in das Viererensemble ein. Auch hier formierte man sich in lebhafter Mussizierweise zu einem Team, das unter der glatten Oberfläche die unüberhörbaren Brüche etwa des Kopfsatzes oder die befremdlichen, den Menuettton hemmenden Alleingänge der ersten Bratsche im dritten Satz hervorhob. Trotz der spielerische Gestik blieb selbst der letzte Satz frei von aller eleganten Verspieltheit. Das Quintett op. 111 von Brahms atmete den frischen Geist, den so manches Jugendwerk seines Autors versprüht. Doch als er dieses Streichquintett schrieb, ging er schon auf die sechzig zu. Als wollten die fünf Spieler diese Faktum ganz und gar aus ihrer Interpretation verbannen hielten sie, vor Energie fast berstend, wacker gegen den Eindruck, es hätten sich hier schon Spuren der Altersreife eingegraben. Sie taten dies jedenfalls abgesehen vom zweiten Thema des ersten Satzes und den verhaltenen Passagen des Adagio. Besonders anmutig wirkt solche elektrisierende Vehemenz, die der Cellist in noch höherem Masse verkörperte als seine Mitstreiter, im Finale, das man in einer veritablen, von Brahms so geliebten Zigeunerweise ausklingen liess. Das alles gefiel den Hörern ungemein, und man durfte als Zugabe den langsamen Satz noch einmal vernehmen.
Unmatchable sound - uncanny unanimity of tone and attack
The Carmina Quartet at Queen Elizabeth Hall
THE FINANCIAL TIMES, John Allison
... but most breathtaking of all was the unmatchable sound of the Carminas playing alone in the first half of the concert. In the relatively few years since Max Loppert first „spotted“ them on this page, the Carminas have more than fulfilled his confident predictions and emerged as one of the outstanding quartets of today. Each member has a distinct musical personality, yet the collective Carmina sound is based on an uncanny unanimity of tone and attack. They played as one in Beethoven‘s highly compressed op. 95 Quartet, bringing out its seriousness in a beautifully sculpted fugue and walking a musical tightrope in the neurotic finale. Their warm, silken sound could not have been heard to better advantage than in their dream-like account of Debussy‘s Quartet in g minor. We are currently blessed with a wealth of excellent string quartets and the Carminas are to be treasured as highly as any.
The puzzle solvers
Carmina Quartet, Wigmore Hall
THE TIMES, Hilary Finch
While the quartet worthies of this world make their dutiful journeys through Beethoven and lay down their successive cycles on disc for posterity, the brighter-eyed among their colleagues (and they do not come much more twinkling than the Carmina Quartet) choose other ways. This Swiss quartet elected to share Beethoven‘s 17 string quartets with five equally distinctive ensembles, including the Leipzig and Hagen, in a series of six programmes at the Wigmore Hall. The Keller Quartett and the Quatuor Mosaiques have yet to be savoured. On Saturday it was the turn of the masterminders of the series themselves. Of all these ensembles, the Carmina is perhaps the hardest to define. Its quality of rare yet elusive musicianship is its greatest joy. And nowhere more so than in three works which show Beethoven, too, at his most ambiguous. The Carmina chose one early, one middle, one late quartet – each with a puzzle at its heart. For the op. 18 no 3, the first Beethoven ever wrote, the players teased out the enigmas posed by the little opening sigh, as it metamorphoses throughout the first movement. Their way was to play with a quietness and closeness of ensemble, with minimum vibrato and short, neat chording, which drew the listener in more deeply than any more highly charged playing could have done. By the finale it had lifted off into a true Presto so technically ballasted that it had no fear of the most dizzying of flights. Unease was more acute in the biting discord which began the C major Rasumovsky Quartet. The Carmina, with its fine sense of timing, kept its audience as tense with expectation as if it had never heard the work before. The slow movement was no less special. Led by Matthias Enderle‘s dark, resinous first violin, the players seemed transformed into ghostly figures caught in an unending and timeless round dance, to the numb pizzicato pulse of Stephan Goerner‘s cello. The quartet in a minor, op. 132, seemed to sum up all that had gone before. The Carmina‘s best attrubutes, – its supple democracy of ensemble, its incisiveness, and a blending of voices subtle enough for Renaissance polyphony – all fused to recreate Beethoven‘s great Heiliger Dankgesang, a „Sacred song of thanks from a convalescent to the Godhead“.
Young things aim to enlighten
Carmina Quartet, Wigmore Hall
THE EVENING STANDARD, Rick Jones
... But the evening belonged to the least-known contributors, the Carmina Quartet, who played the second and especially the sixth (Mendelssohn) string quartets with chestnut tone and devout absorption. They played the tragic sixth as if they really were frantic with shock on hearing of the death of the composer‘s sister, Fanny. Long may they play.
A thing of wonder
Carmina Quartet, Terrace Theater Recital
THE WASHINGTON POST, Joe Banno
Leave it to an orchestral master like Debussy to write a string quartet of such daunting coloristic demands. With one foot in fin de siècle romanticism and the other in his own harmonically ambiguous style Debussy asks the world of his four performers. That the Carmina Quartet conquered the piece so decisively at Thuesday‘s Terrace Theater recital is a thing of wonder. Celebrating 12 years as an ensemble, the Zurich-based Carmina is a baby among established quartets like the Juilliard, but showed striking maturity. The sheer virtuosity of these players was the first thing to impress: dead-on intonation, sumptuous tone without a trace of brittleness or edge. Their sound, big-boned and symphonic in Debussy‘s more extroverted pages, could, in a moment, become an insinuating whisper. Passion went hand-in-hand with clearheadedness, and the quartet in g minor emerged, as it must, both mercurial and architecturally solid. An outstanding performance. Swiss composer Rolf Urs Ringger‘s „Feuillages“ („Forest of Leaves“) , written last year for the Carmina, offers a tougher but no less kaleidoscopic sound world. Inspired by Ringger‘s eight-floor view of Central Park from the Mayflower Hotel, this mood piece suggests a uniquely New York aesthetic. The composer wants us to hear what he calls „the glittering, shining, rustling, crackling and stirring of the forest.“. With its varying degrees of dissonance, this walk in the woods seems to be of the nocturnal variety, full of trepidation and dark premonition. It revels in the kind of special-effects string writing the Kronos quartet eats for breakfast. In the Carmina‘s hands, razor clarity and pictorial imagination generated enormous atmosphere. Atmosphere was of less consequence to these players in Schubert‘s d minor Quartet („Death and the Maiden“), where the coiling and release of tension, the play of songfulness and stentorian rhetoric took the foreground.


